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Glutenfrei
Alltagstipps

Glutenfrei im Restaurant: Was wir in 7 Jahren gelernt haben

·5 Min. Lesezeit
Glutenfrei im Restaurant: Was wir in 7 Jahren gelernt haben

Letzten Sommer waren wir in einem Restaurant in der Altstadt. Nettes Lokal, gute Bewertungen, handgeschriebene Kreidetafel. Auf der Tafel stand "glutenfrei auf Anfrage".

Ich habe gefragt. Die Kellnerin hat genickt und eine Weile weggeschaut. Dann hat sie gesagt: "Ich frage kurz in der Küche." Sie kam zurück: "Der Koch sagt, er kann die Soße weglassen."

Die Soße. Die Soße weglassen. Das war ihr Verständnis von "glutenfrei auf Anfrage".

Wir sind höflich aufgestanden und haben woanders gegessen. Lena hat dabei diese Teenager-Miene gemacht, die bedeutet "Papa, das ist jetzt schon das dritte Restaurant heute." Es war das zweite. Aber der Punkt war trotzdem fair.

Nach sieben Jahren essen wir eigentlich gut aus. Wir haben ein System. Hier ist das System.

Vor dem Restaurant: Die Vorarbeit

Das klingt übertrieben, aber: Restaurants googlen, bevor man hingeht. Nicht wegen der Bewertungen — wegen der Speisekarte.

Wenn eine Speisekarte online ist, kann ich in drei Minuten sehen, ob das Restaurant überhaupt Gerichte hat, die von Natur aus glutenfrei sind oder leicht angepasst werden können. Ein Restaurant, das hauptsächlich Pasta und Pizza serviert, wird für mich schwierig. Ein Thai-Restaurant, das Reisnudeln anbietet, schon einfacher.

Für besondere Anlässe rufen wir vorher an. Nicht am Abend — mittags, wenn das Restaurant weniger stressig ist. Ich erkläre kurz: "Ich habe Zöliakie, ich kann kein Gluten in Spuren essen. Können wir das kurz besprechen?" Gute Restaurants freuen sich über die Vorankündigung. Schlechte zögern oder sagen "das ist kein Problem" ohne nachzudenken — das ist ein rotes Flag.

Die Drei Fragen, die wirklich wichtig sind

Im Restaurant selbst habe ich gelernt, nicht "haben Sie glutenfreie Gerichte?" zu fragen. Die Antwort ist fast immer ja, weil entweder ein Salat auf der Karte ist oder der Koch nicht weiß, was Gluten ist.

Ich frage stattdessen:

Frage 1: "Ich habe Zöliakie — nicht eine Unverträglichkeit, sondern eine echte Autoimmunerkrankung. Können Sie mir erklären, wie das Gericht zubereitet wird?"

Frage 2: "Wird die Pasta auf demselben Wasser wie normale Pasta gekocht? Werden Oberflächen und Utensilien zwischen glutenfreien und normalen Gerichten getrennt?"

Frage 3: "Enthält die Soße, das Dressing oder die Marinade Sojasauce, Worcestersauce oder andere Zutaten die Weizen enthalten könnten?"

Das sind keine freundlichen Fragen. Die nehmen ein bisschen Mut. Aber nach dem dritten Restaurantbesuch mit Beschwerden hat man diesen Mut entwickelt.

Küchen, die von Natur aus funktionieren

Wir essen gerne indisch. Traditionelle indische Küche basiert auf Hülsenfrüchten, Reis, Gewürzen und Ghee — von Natur aus meist glutenfrei. Naan-Brot ist natürlich Tabu, Chapati auch. Aber ein Dhal oder ein Saag Aloo sind meistens unbedenklich, wenn man nach Sojasauce fragt.

Mexikanisch funktioniert erstaunlich gut. Tacos mit Maistortillas, Guacamole, gebratenes Gemüse — das ist von Natur aus glutenfrei. Man muss nur aufpassen, dass keine Weizentortillas benutzt werden (kommt vor) und dass die Würzmischungen sauber sind.

Äthiopisch ist unterschätzt. Injera, das äthiopische Fladenbrot, ist aus Teff — einem glutenfreien Getreide. Das Brot wird mit dem Essen gegessen, man greift damit in die Töpfe. Das funktioniert auch für mich, weil ich glaube dass ich Teff vertrage — aber bei echte Zöliakie-Patienten sollte das individuell abgeklärt werden.

Japanisch ist tricky. Sojasauce enthält Weizen. Fast immer. Manche Restaurants haben Tamari (glutenfreie Sojasauce), aber das muss man fragen. Sushi-Reis selbst ist okay, die Soße nicht immer.

Und Italienisch? Wir mögen Italienisch. Aber nur, wenn das Restaurant wirklich glutenfreie Pasta hat — nicht "wir können die normale Pasta weglassen und Ihnen nur Soße bringen". Das haben wir einmal erlebt. Das war traurig.

Die Beschwerden-Logik für Familien

Ich habe Zöliakie. Sarah, Lena, Jonas, Mia und Felix haben sie nicht. Das bedeutet: Wir essen nicht immer im selben Restaurant, und wir essen manchmal Unterschiedliches.

Am Anfang war das komisch. Ich saß mit meinem glutenfreien Reisgericht, während alle anderen normale Pasta hatten. Das hat sich dann aber verändert — nicht weil alle dasselbe essen, sondern weil wir gelernt haben, Restaurants zu finden, bei denen auch ich gut esse.

Sarah hat einmal gesagt: "Wenn ein Restaurant für Michael funktioniert, funktioniert es für alle. Wenn nicht, gehen wir woanders hin." Das ist eine gute Regel.

Für die Kinder war das am Anfang schwieriger zu erklären. Lena hat in der Phase, in der ihr alles peinlich war (so ungefähr mit 13), gelegentlich gebrummelt, wenn ich im Restaurant nachgefragt habe. "Papa, alle schaün." Ich habe ihr erklärt, dass mir das wichtiger ist als Anstand. Sie hat gerollt mit den Augen. Jetzt macht sie das selbst, wenn sie mit Freunden essen geht und jemand eine Allergie hat. Man wächst in solche Dinge rein.

Apps und Ressourcen, die wirklich helfen

Die App der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft hat eine Produktdatenbank. Nützlich, aber eher für den Einkauf.

Für Restaurants: "Find Me Gluten Free" (englischsprachig) hat eine gute Datenbank auch für deutsche Städte, mit echten Bewertungen von Zöliakie-Patienten. Nicht perfekt, aber besser als Google.

In Hannover haben wir mit der Zeit unsere eigene Liste. Fünf Restaurants, denen wir vertraün. Darunter ein Thai-Restaurant in der Lister Meile (die haben Tamari-Sojasauce), ein indisches Restaurant in der Nordstadt und ein modernes Café, das glutenfreie Gerichte wirklich ernst nimmt.

Das war viel Arbeit zu finden. Aber es war die Arbeit wert.

Urlaub

Urlaub mit Zöliakie ist ein eigenes Thema — wir könnten darüber einen ganzen Artikel schreiben. Kurze Version: Ferienwohnung mit Küche ist gold wert. Wir kochen mindestens zwei Mahlzeiten am Tag selbst, essen einmal aus. In südlichen Ländern (Griechenland, Spanien, Italien) ist es überraschend einfach, weil die traditionelle Küche viel Gemüse, Hülsenfrüchte und Fleisch ohne Panade enthält. Frankreich ist schwieriger — viel Brot, viel Soße.

Für Flugreisen: Michael bestellt immer die glutenfreie Mahlzeit vor. Manche Fluggesellschaften machen das gut, manche weniger gut. Einmal war die "glutenfreie Mahlzeit" ein normales Sandwich in Alufolie. Das war ein lehrreicher Moment.


Das klingt alles sehr viel, wenn man gerade am Anfang steht. Aber wirklich: Nach ein paar Monaten habt ihr ein Gefühl dafür entwickelt, welche Restaurants sicher sind und wie man fragt. Das geht in Fleisch und Blut über — im wahrsten Sinne.

— Michael & Sarah