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Glutenfrei
Erfahrungen

Unsere 7 größten Fehler beim glutenfreien Einstieg

·6 Min. Lesezeit
Unsere 7 größten Fehler beim glutenfreien Einstieg

Ich muss euch etwas gestehen. Als ich vor sieben Jahren meine Zöliakie-Diagnose bekommen habe, war ich — sagen wir mal — nicht der lernwilligste Patient der Welt.

Mein Gastroenterologe hat mir eine Broschüre gegeben, ich hab kurz reingeguckt, "aha, kein Weizen mehr" gedacht und bin nach Hause gefahren. Was dann folgte, waren ungefähr drei Monate der teuersten, ungesündesten und frustrierendsten Ernährungsexperimente, die diese Küche je gesehen hat.

Hier sind die Fehler, damit ihr sie nicht wiederholt.

Fehler 1: Wir haben alles auf einmal ausgetauscht

Michael kauft kein Brot mehr. Michael kauft glutenfreies Brot. Und Pasta. Und Mehl. Und Kekse. Und Kuchen. Alle glutenfreien Varianten, die im Kühlregal standen, plus die im Tiefkühlbereich, plus noch die zwei Sorten im Bioladen.

Sarah hat mich eine Woche später gefragt, warum unser Lebensmittelbudget sich verdreifacht hatte.

Das Problem: Glutenfreie Fertigprodukte sind teuer. Sehr teuer. Und oft miserabel. Das erste glutenfreie Toastbrot, das ich gekauft habe, hatte eine Textur wie feuchter Sand und hat sich innerhalb von zwei Tagen verflüssigt. Das erste glutenfreie Knäckebrot hat beim ersten Biss so laut gekracht, dass Jonas erschrocken ist.

Was wir hätten machen sollen: Langsam anfangen. Zürst nur die Dinge ersetzen, die wirklich schwer sind — Brot und Pasta. Alles andere erstmal weglassen und von Natur aus glutenfreie Lebensmittel essen: Reis, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Gemüse. Die sind sowieso besser.

Fehler 2: "Glutenfrei" auf der Verpackung = gesund

Das war mein persönlicher Lieblingsirrtum.

Ich habe angefangen, jeden Tag glutenfreie Kekse zu essen. Ich war stolz auf mich. Ich esse ja keine normalen Kekse mehr. Ich bin so diszipliniert.

Sarah hat irgendwann die Zutatenliste gelesen und festgestellt, dass die glutenfreien Kekse mehr Zucker und mehr gesättigte Fettsäuren hatten als die Originalkekse. Glutenfrei bedeutet nicht automatisch weniger Zucker, weniger Zusatzstoffe oder gesünder. Es bedeutet nur: kein Gluten.

Das klingt offensichtlich. War es für mich damals nicht.

Was wir hätten machen sollen: Zutatenlisten lesen. Immer. Nicht nur auf "glutenfrei" achten, sondern auch auf Zucker, Stärkearten und Zusatzstoffe. Viele glutenfreie Produkte kompensieren die fehlende Textur mit mehr Zucker und Fett.

Fehler 3: Das Kreuzbeziehungsrisiko komplett ignorieren

Ich habe Haferflocken gegessen. Hafer ist doch glutenfrei, oder?

Nein. Also — Hafer enthält von Natur aus kein Gluten. Aber normaler Hafer wird auf denselben Feldern und in denselben Fabriken verarbeitet wie Weizen. Kreuzverunreinigung. Ich habe das drei Monate lang nicht gewusst und mich gefragt, warum es mir nicht besser geht.

Dann: Die Frühstücksflocken, die ich noch aus der alten Zeit hatte — "die sind doch schon offen, die kann ich noch aufmachen". Dieselbe Schüssel benutzt, die ich vorher für normales Müsli genommen hatte, nur kurz ausgespült. Reicht das? Nein. Für Zöliakie-Patienten reichen Spuren aus.

Was wir hätten machen sollen: Alles, was offen war, wegwerfen. Einmal komplett neu anfangen. Separate Schneidbretter, separate Siebe für Pasta, eigenes Toasterfach oder einen eigenen kleinen Toaster. Das klingt übertrieben — ist es nicht.

Fehler 4: Restaurants waren für uns noch ein blinder Fleck

"Ich bestelle einfach den Salat." Gute Idee, Michael. Nur dass der Salat mit einem Dressing gemacht wurde, das Sojasauce enthält — die wiederum Weizen enthält. Und der Koch hat den Salat auf demselben Schneidebrett zubereitet, auf dem vorher das Brot geschnitten wurde.

Zweimal Beschwerden nach Restaurantbesuchen, bis wir verstanden haben: Man muss fragen. Explizit. Nicht "haben Sie glutenfreie Gerichte?" sondern "ich habe Zöliakie, können Sie mir sagen, wie das Gericht zubereitet wird und ob Kreuzkontamination möglich ist?"

Die meisten Köche sind ehrlich — und die meisten sagen dann auch ehrlich: "Wir können das nicht garantieren." Das ist okay. Dann weiß man wo man dran ist.

Was wir hätten machen sollen: Die Zöliakie-Karte auf der App der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft nutzen. Restaurants vorher anrufen. Fragen kostet nichts, Beschwerden kosten Wochen.

Fehler 5: Die Kinder beim Umstieg vergessen

Jonas war damals fünf. Ich habe ihm erklärt, dass Papa jetzt kein Weizenbrot mehr essen kann. Er hat genickt und weitergemacht. Passt.

Was ich nicht bedacht habe: Wenn ich anfange, glutenfreie Pasta zu kochen — für alle, weil ich keine Lust habe, zwei Töpfe zu schleppen — dann beschwert sich Jonas. Weil die Pasta komisch klebt. Weil die Konsistenz anders ist. Weil "die schmeckt doch gar nicht".

Er hatte nicht ganz Unrecht. Meine ersten glutenfreien Pasta-Versuche mit Reismehl-Pasta waren... lernreich. Die Pasta ist nach drei Minuten Übergarzeit zu einem einzigen Klumpen zusammengeklebt.

Was wir hätten machen sollen: Zürst ausprobieren, dann servieren. Und die Kinder in die Auswahl einbeziehen. "Wir suchen zusammen die beste glutenfreie Pasta, ihr dürft testen" — das hat bei Jonas besser funktioniert als jede Erklärung.

Fehler 6: Zu viel auf einmal erklären wollen

Ich bin Entwickler. Ich muss Dinge verstehen, bevor ich sie tü. Also habe ich Bücher gelesen, Studien gelesen, Foren gelesen. Und dann habe ich Sarah alles erklärt. Beim Frühstück. Beim Abendessen. Beim Einkaufen.

"Weisst du, dass Gluten eigentlich ein Sammelbegriff für mehrere Proteine ist? Es gibt Gliadine und Glutenine und—"

"Michael."

"Ja?"

"Es ist 7 Uhr morgens."

Was wir hätten machen sollen: Informationen häppchenweise teilen. Und akzeptieren, dass nicht jeder das Thema mit derselben Intensität verarbeiten will. Sarah ist trotzdem mitgezogen — ohne die Biochemie-Vorlesung beim Frühstück.

Fehler 7: Den Schwung unterschätzen

Die ersten sechs Monate waren anstrengend. Wirklich. Jedes Etikett lesen, in jedem Restaurant nachfragen, bei jedem Familienfest erklären, nein, das Brot kann ich nicht essen, danke, das Stück Kuchen auch nicht, ich weiß das sieht lecker aus...

Es gab Momente, in denen ich gedacht habe: Das ist zu viel. Zu anstrengend. Zu teuer. Zu kompliziert.

Und dann hat sich etwas verändert. Ich weiß nicht genau, wann. Irgendwann war es einfach normal. Die Einkaufsliste war angepasst. Die Rezepte, die funktionieren, kannten wir auswendig. Die Restaurants in Hannover, die wir vertraün, waren bekannt.

Was ich euch mitgeben will: Es wird einfacher. Nicht sofort — aber es wird. Die ersten drei Monate sind am schwersten. Danach habt ihr einen neuen Normalzustand, und der fühlt sich gar nicht mehr nach Verzicht an.


Wenn ihr gerade am Anfang seid und das alles erschlägt: Schreibt uns. Wir haben jeden dieser Fehler selbst gemacht und noch ein paar mehr dazu.

— Michael

Alle in diesem Artikel beschriebenen Erfahrungen beziehen sich auf eine Zöliakie-Diagnose und persönliche Beobachtungen. Bei medizinischen Fragen rund um Zöliakie oder Glutenunverträglichkeit bitte immer einen Arzt oder eine qualifizierte Ernährungsfachkraft konsultieren.